Wie ein Teenager einen Wikinger-Schatz fand

Der 13-jährige Schüler Luca Malaschnitschenko glaubte seinen Augen kaum. Die Münze, die er Anfang Januar 2018 auf einem Kirchenacker bei Schnaprode auf der Insel Rügen fand, entpuppte sich als mittelalterliche Silbermünze. Doch nicht nur das. Das Fundstück war Bestandteil eines gigantischen Silberschatzes, den der berühmte Wikinger-König Harald Blauzahl um 986 vergraben haben soll.

Der Traum aller Hobby-Schatzsucher

Malaschnitschenko ist ein begeisterter Schatzsucher. Gemeinsam mit dem Hobbyarchäologen René Schön begibt er sich regelmäßig auf die Suche nach Edelmetallen. Ausgerüstet mit Metalldetektoren erkunden sie die Ostsee-Insel. Doch ihren spektakulärsten Fund konnten die beiden nicht allein bergen. Denn wer als Privatperson einen historischen Schatz findet, ist verpflichtet, den Fund zu melden. Das taten die beiden umgehend.

Im April wurde der aus etwa 600 Teilen bestehende Schatz von Archäologen geborgen. Auf einer Fläche von 400 Quadratmetern entdeckte das Grabungsteam der Landesarchäologie von Mecklenburg-Vorpommern Halsreife, Ringe und Münzen mit einem Gesamtgewicht von 1,5 Kilogramm. René Schön und Luca Malaschnitschenko durften als Grabungshelfer an der Bergungsaktion teilnehmen. Bis dahin hatten sie über ihren Fund Stillschweigen bewahren müssen. Denn die Gefahr war zu groß, dass Raubgräber das Edelmetall stehlen könnten.

Vater und Sohn kämpften um den Wikinger-Schatz

Vor etwa 1000 Jahren machten die Wikinger die Ostsee unsicher. Wenn ihre Segel am Horizont auftauchten, machten sich Angst und Schrecken breit. Die berüchtigten Nordmänner plünderten Ortschaften in Ufernähe und töteten jeden, der sich ihnen in den Weg stellte. Vor allem machten sie Jagd auf Gold und Silber. Dabei legten manche der Abenteurer lange Strecken zurück. Ihre Schiffe fuhren bis nach England und Frankreich. Auf dem Landweg gelangten sie in die Kiewer Rus in der heutigen Ukraine. Und von dort kamen sie sogar bis nach Byzanz, wo sie die Leibgarde des Kaisers stellten.

Ganz so weit kam Harald Blauzahl zwar nicht. Seine weiteste Eroberungsfahrt führte den Wikingerführer in die Normandie im Norden Frankreichs. Doch Harald vereinte Dänemark unter seiner Herrschaft. Um seine Macht zu sichern, bediente er sich der Kirche und konvertierte selbst zum Christentum. Doch ein Teil der heidnischen Wikinger widersetzte sich. Angeführt wurden sie ausgerechnet von Haralds Sohn: Sven I. Gabelbart. Nachdem Harald Blauzahl eine entscheidende Seeschlacht gegen die Truppen seines Sohnes verloren hatte, musste er nach Südosten fliehen. Historiker vermuten, dass der König den Rügener Schatz auf der Flucht vergraben ließ. Er starb in Jomsburg, der heutigen Stadt Wolin in Polen.

Schatzsucher bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone

Wer mit einer Metallsonde auf Schatzsuche geht, sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein. Mit modernen Geräten kann man sehr genaue Suchen durchführen. Teure Modelle unterscheiden zwischen wertlosen Materialien und Edelmetall. Doch Archäologen warnen davor, gefundene Schätze einfach aus dem Boden zu holen. Denn dadurch werden die historischen Zusammenhänge zerstört. Die Wissenschaftler untersuchen nicht nur die Fundobjekte selbst, sondern auch ihre Umgebung. Dabei ist es wichtig, wo genau das Stück liegt und was sich in der Nähe befindet.

Vor dem Gesetz ist es verboten, gefundenes Gold oder Silber zu behalten. Zwar gilt für Schatzfunde generell § 984 des Bürgerlichen Gesetzbuches:

„Wird eine Sache, die so lange verborgen gelegen hat, dass der Eigentümer nicht mehr zu ermitteln ist (Schatz), entdeckt und infolge der Entdeckung in Besitz genommen, so wird das Eigentum zur Hälfte von dem Entdecker, zur Hälfte von dem Eigentümer der Sache erworben, in welcher der Schatz verborgen war.“

Der Finder und der Eigentümer des Grundstücks sollen also jeweils die Hälfte bekommen. Diese als „Hadrianische Teilung“ bekannte Regelung geht auf das Römische Recht zurück.

Doch in den meisten Bundesländern gehen Schatzfunde sofort in den Besitz der Wissenschaft über. Das Landesrecht geht in diesem Fall vor. Es beruft sich darauf, dass die Schätze in tieferen Schichten der Erde gefunden werden. Dort ist der Staat Eigentümer. Die Begründung der Regelung: Der Schutz bedeutender Kulturgüter sei wichtiger als die finanziellen Interessen von Einzelnen. Nur in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen erhält der Finder tatsächlich eine Entschädigung von 50 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern nicht. Deshalb sind auch Luca Malaschnitschenko und René Schön durch ihren Fund nur um eines reicher geworden: Erfahrung.